Cavalleria Rusticana im Spiegelsaal von Schloss Herrenchiemsee (24. und 25. Juli 2009)
Macculi, Morloc, Theodossiou, Antonenko, Keremidtchiev
Kammerchor München
Sinfonia Varsovia
Leitung: Ljubka Biagioni zu Guttenberg


Oberbayerisches Volksblatt, 28. Juli 2009

Wie man sich Oper wünscht
Wenn man «Cavalleria rusticana», den Opern-Einakter von Pietro Mascagni, inszeniert, kann man eigentlich nichts falsch machen: Liebe, Eifersucht, Leidenschaft, Mutterliebe, starre gesellschaftliche Regeln und ein bisschen Kirchenpomp, diese Mischung funktioniert immer.
von Rainer W. Janka

Aber wie man etwas nicht falsch macht, das ist durchaus diskussionswürdig. Ljubka Biagoni zu Guttenberg brauchte für ihre Inszenierung bei den Herrenchiemsee-Festspielen im Spiegelsaal wenige, aber signifikante Requisiten: eine Kutsche für Alfio, den Fuhrmann, eine Weinflasche für Turiddu, den Weinbauer, ein Stuhl für Mutter Lucia, ein paar Kirchenfahnen für den Ostergottesdienst - das war's und mehr brauchte es auch nicht, weil sonst alles die Musik sagte. Zunächst flutete der einheitlich bäuerlich-sizilianisch gekleidete Chor von allen Seiten auf und über die Bühne. Er agierte wie ein antiker Chor als Zuschauer, Mitwisser und Kommentator, manchmal sich über das Orchester hinweg sich an- und zusingend, immer in Bewegung und den geringen Raum nutzend. Von der Dirigentin einstudiert, sang der Kammerchor München anteilnehmend-warm, rund und weich und doch, wenn's verlangt war, strahlend, endlich einmal nicht wie ein typischer röhrender und wabernder Opernchor.

Turiddu und Santuzza hätten von ihren Stimmen her eigentlich das richtige Liebespaar sein müssen: Aleksandrs Antonenkos kraftvoll-zupackender und vor Leidenschaft feurig überströmender Tenor passte hervorragend zu dem üppig ausschweifenden und dunkel-glühenden Sopran von Dimitra Theodossiou, die völlig glaubwürdig die vor Liebe und Eifersucht rasende verlassene Geliebte im Wortsinne verkörperte. Umso tragischer, dass Turiddu sie machomäßig-rüde von sich stößt, wenn sie sich weinend an ihn klammert. Analog passten die beiden anderen Stimmen zueinander: In Sabina Macculis anmutig-leichtem und lockendem Mezzosopran flimmerte lauernd Lolas ständige Flirtbereitschaft, obwohl sie mit Alfio (Anton Keremitchiev) verheiratet ist, dessen männlich schöner Bariton zwar betört, dessen lärmende Fröhlichkeit aber ein wenig melancholisch eingefärbt war. Wenn er erfährt, dass Turiddu mit Lola ein Verhältnis hat, müsste er rasen vor Eifersucht und Mordlust, aber hier meinte man zu hören, dass er Turiddu nur töten muss, weil es der Brauch, der, Fontane-haft gesprochen, «Gesellschaftsgötze» fordert, nicht weil er es will: Geert von Instetten aus Fontanes «Effi Briest» in der italienischen Oper!

Als heimliches Zentrum lief fast alles bei Mama Lucia zusammen, die Renée Morloc in eindrucksvoller antik-statuarischer Grandezza mit leiddurchfurchtem Gesicht gab. Alle Sänger spielten ohne die typischen Operngesten, ihre Bewegungen waren immer im Einklang mit ihrem Gesang, manchmal zitterten und klirrten die Kristalllüster gefährlich, wenn Turiddu von der Bühne sprang, alles war glaubwürdig, anrührend, packend, ja: wahr. So wünscht man sich Oper!

Ljubka Biagioni zu Guttenberg ist aber nicht nur eine intelligente Regisseurin, sondern vor allem eine hervorragende Dirigentin, die ihre Musiker und Sänger und die Musik sichtbar liebt: Wenn man sie anschaut, kann man gar nicht anders, als mit ihr die Musik zu leben. Mit genauen und ästhetisch-genussreichen Dirigiergesten animiert sie den Chor, die Solisten und vor allem die Musiker der Sinfonia Varsovia, die um ihr Leben spielten, aus feinen trauerumflorten Piani farbsatten opulenten Klang erblühen ließen. Das Orchester deckte die Sänger nie zu, sondern fühlte und litt geradezu emphatisch mit ihnen mit. Beim berühmten «Intermezzo» wurde die Bühne abgedunkelt, Santuzza ist auf dem Stuhl hingegossen, wissend, was sie angerichtet hat, weil sie Alfio alles erzählt hat. Dann entstand dieses so oft verkitscht-abgenudelte Musikstück wie gerade frisch komponiert, leicht zögernd verhalten und dann sich groß entfaltend. Ljubka zu Guttenberg entdeckte hier das Rhetorische, das Reflexive, das mitfühlend Kommentierende und exerzierte eben nicht nur das bloß melodisch Verführende. So wünscht man sich Oper! Das Publikum bestätigte dies lange jubelnd.

 

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